Wer die Nachrichten verfolgt, kann leicht den Eindruck gewinnen, unsere Gesellschaft befände sich im rasanten moralischen Niedergang. Mal sind es zockende Banker und unappetitliche Parteiintrigen, Korruption und Steuerhinterziehungen, die unser Vertrauen in den Wert von Wahrheit und Gerechtigkeit erschüttern. Ein anderes Mal prügeln Jugendliche einen Rentner fast zu Tode oder bringen sich gegenseitig um. Dann wieder hören wir von Eltern, die ihre Kinder grausam vernachlässigen oder sonstwie misshandeln und uns so womöglich den letzten Glauben an das Gute im Menschen rauben. Natürlich will an dieser Entwicklung keiner schuld sein. Einer zeigt auf den anderen, macht den für den vermeintlichen oder tatsächlichen Verfall der Sitten verantwortlich. Die "kleinen Leute" beschimpfen "die da oben" und bekommen womöglich zu hören, sie seien ja selbst nicht besser. "Wir brauchen neue Werte!", rufen Politiker in Talkshows und werden dafür oft sogar beklatscht. Aber was heißt das eigentlich? Wer "erfindet" denn einen moralischen Wert oder "beschließt" ihn? Und wer setzt ihn durch oder wirbt dafür und überzeugt genügend andere? Wie selbstverständlich reden wir tagtäglich über Moral und Verantwortung, über Vorbilder und Werte. Doch wie genau müssen wir uns den "moralischen Menschen" vorstellen? Wie "tickt" er? Wie kommen wir zu unseren Urteilen und nehmen Verantwortung wahr? Ohne Antworten auf diese grundsätzlichen Fragen können wir auf die zunehmenden sozialen Probleme bei uns und weltweit nicht angemessen reagieren. Früher waren es vor allem Priester und Philosophen, die sich damit befassten. Seit einiger Zeit aber versuchen auch Biologen und Neurowissenschaftler das komplexe Verhalten des Menschen zu begreifen. Moderne Untersuchungsverfahren erlauben es heute, unser sozial handelndes Gehirn in Aktion zu beobachten. Auch wenn die Interpretation der Resultate selten einfach ist, tritt so doch immer deutlicher das naturwissenschaftliche Bild des "moralischen Menschen“ hervor - mit weit reichenden Folgen. Dass wir weder vollständig gut noch böse geboren werden, haben wir zwar sicher auch schon ohne Genanalysen und Hirnscans geahnt. Von etlichen anderen Überzeugungen aber werden wir uns verabschieden müssen. Etwa von der gängigen Meinung, es müsse tief in uns eine "absolute Moral" geben, ewige Werte, die unabhängig von der Kultur sind, in der wir leben. Und auch die Auffassung, dass es vor allem unser Verstand ist, der unser moralisches Wollen und Handeln leitet, bedarf der Korrektur. Einem Verfall der Sitten - tatsächlich oder nur vermutet - wird gewöhnlich das immer selbe Heilmittel verordnet: Vernünftig müssten wir werden, heißt es dann, und die Werte wieder bewusst stärken. Die Forschung der letzten Jahre aber belegt Stück für Stück, dass solche Appelle ins Leere gehen. Denn, so zeigt sich immer klarer, auch bei der Moral kommt zuerst das Gefühl. © Frank Ochmann 2011 Gebundene Ausgabe 320 Seiten Ullstein März 2008 ISBN-10: 3550086989 ISBN-13: 978-3550086984 € 19,90 [D] Moral - aus Vernunft und Einsicht? Stimmen zum Buch “Frank Ochmann bietet einen fesselnden Blick auf die aktuelle Forschungsdebatte und untersucht, klar und verständlich geschrieben, die Beweise für eine Moral auf dem Fundament der Biologie.”   Frans de Waal Emory University, Atlanta “Frank Ochmann führt die neuen Entdeckungen an der Schnittstelle von Moral und Biologie zu einer durchdachten Gesamtsicht zusammen.” Antonio Damasio University of Southern California, Los Angeles “Es macht richtig Freude, in Ihrem Buch zu lesen. Wir könnten im deutschen Sprachraum sehr gut mehr Leute wie Sie gebrauchen, Menschen, die ein schwieriges Wissenschaftsthema so packend und anschaulich machen können.” Ernst Fehr Universität Zürich “Ihr Buch hebt sich wohltuend von der Vielzahl der Schnellschüsse ab, die sich sonst auf dem Markt befinden. ... das Buch enthält sehr viel mehr als 'nur' Moral, es ist eine sehr schöne und lehrreiche Wanderung durch viele relevante und aktuelle Gebiete der Psychologie, zwar mit einem klaren Ziel, aber eben auch mit offenen Augen auf dem Weg dorthin.” Hannelore Weber Universität Greifswald